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NFL Draft, Pick 68: Markel Bell – Der 2,06-Meter-Mann aus Miami

Wenn Howie Roseman einen Spieler als „Passion Player” bezeichnet, dann horchen Eagles-Fans auf. Genau dieses Etikett verpasste der General Manager einem 21-jährigen Offensive Tackle aus Cleveland, Mississippi – einen Mann, der 2,06 Meter misst, 157 Kilogramm wiegt und dessen Spannweite von 2,21 Metern an die Tragfläche eines kleinen Flugzeugs erinnert. Mit dem 68. Pick der dritten Runde (jenem aus dem Haason-Reddick-Trade mit den New York Jets von 2024) holten die Eagles Markel Bell von der University of Miami nach Philadelphia. Es ist die erste Investition der Birds in einen Tackle in den ersten drei Runden seit Andre Dillard 2019 – und sie ist alles andere als ein sicherer Hafen.

Vom No-Star-Recruit zum Drittrundenpick

Bells Geschichte ist die eines spätzündenden Riesen. Aufgewachsen im ländlichen Mississippi bei Mutter und Tante, als ältester von drei Geschwistern, spielte er bis zur siebten Klasse keinen organisierten Sport. Erst dann zog ihn die Football-Mannschaft seiner Freunde aufs Feld – und natürlich landete er, wie es bei einem Jungen, der zwischen Sommer und Herbst des einen Jahres von 1,75 Meter auf 1,93 Meter wuchs, kaum anders sein konnte, sofort in der Offensive Line.

Aus der Cleveland Central High School kam er als „No-Star-Recruit” der Klasse 2022, mit Angeboten von FCS-Programmen wie Eastern Kentucky. Akademisch hätte er auf ein FBS-Programm wechseln können, doch er entschied sich bewusst für den Umweg: zwei Jahre Holmes Community College in Goodman, Mississippi, unter Offensive-Line-Coach Les George, zu dem er laut Dane Brugler von The Athletic eine „Vater-Sohn-Beziehung” entwickelte. 2023 verließ er Holmes als bester Junior-College-Tackle des Landes und Vier-Sterne-Recruit, mit Angeboten von Auburn, Mississippi State, Ole Miss, Arkansas und Purdue – und entschied sich für Mario Cristobal und Miami.

In seinem ersten Hurricanes-Jahr 2024 kam er rotierend zum Einsatz, fünf Starts in zwölf Spielen als Vertretung für den verletzten Jalen Rivers. Die Hurricanes führten in jener Saison sowohl bei Punkten pro Spiel (43,9) als auch bei Yards pro Spiel (537,2) das Land an. 2025 dann der Durchbruch: 16 Starts auf der linken Tackle-Position, kein einziger Sack zugelassen in 558 Pass-Block-Snaps, 1034 Offensive Snaps insgesamt – fünftmeiste in der gesamten FBS – Third-Team All-ACC und ein Auftritt im National Championship Game. Direkt im Anschluss reiste er zum Senior Bowl nach Mobile, einer von nur zwei Miami-Spielern, die diesen sportlichen Zickzackkurs auf sich nahmen.

Was Roseman gesehen hat – und was die Scouts schreiben

Roseman machte am Draft-Wochenende keinen Hehl aus seiner Begeisterung: „Markel Bell war ein Passion Player für uns. Offensichtlich ungewöhnliche Größe, ungewöhnliche Reichweite. Schwer zu finden. Wenn man sich das Tape anschaut, ist er in der Pass Protection schwer zu umgehen. Er hat in dieser Saison null Sacks für die University of Miami zugelassen. Das ist ein 21-jähriger Spieler, der als Nummer-eins-JC-Recruit des Landes aus dem Junior College kam … Wenn man das Tape sieht, ist er einer dieser Spieler, bei denen man fragt: ‚Was wäre passiert, wenn er nochmal ein Jahr aufs College zurückgegangen wäre?'”

Die letzte Frage ist mehr als rhetorisches Geplänkel. Wie The Philadelphia Inquirer explizit ausformuliert: Bell hätte mit einem weiteren Jahr in Coral Gables vermutlich zu einem Erstrundenkandidaten reifen können. Stattdessen kommt er nun als unfertiger Drittrundenpick – ein Risiko, das zugleich ein Schnäppchen sein könnte.

Die Experten zeichnen ein vielschichtiges Bild. Dane Brugler von The Athletic fasst seinen Eindruck so zusammen: „Bell ist hochgewachsen und steht aufgrund seines Körperbaus vor gewissen Nachteilen, doch er kompensiert dies mit seiner Reichweite und seinem zunehmend besseren Spielverständnis, was darauf hindeutet, dass er in der NFL Starts vor sich hat. Seine Leistung 2025 zwang die NFL-Scouts dazu, sowohl seine Obergrenze als auch seine Untergrenze neu zu bewerten.” Brugler beschreibt ihn als „top-lastigen Blocker, der Verteidiger mit seinen ersten Bewegungen und seiner massiven Spannweite verschlingen kann”. Ein von Brugler zitierter NFL-Scout bringt es so auf den Punkt: „Cristobals Strukturen waren großartig für ihn. … Er ist immer noch im Aufstieg.” Auf der Schwächenseite vermerkt Brugler eine unterentwickelte Hüft- und Beinmuskulatur, schwankendes Kampfgewicht (335 bis 360 Pfund), inkonsistentes Knie-Bending und sechs False Starts auf dem 2025er-Tape.

Fran Duffy sieht in Bell „einen großen, raufenden Blindside-Beschützer, der durch schiere Masse und Länge gewinnt. Er wird einen nicht mit purer Explosivität umhauen, aber er hat leichte Füße und besseren Richtungswechsel als die meisten Spieler seiner Größe.” Duffys Fazit: „Insgesamt sehe ich einen funktionalen NFL-Spieler mit langfristigem Starter-Potenzial nach weiterer Entwicklung. … Ich sehe einen soliden Swing-Backup ab Jahr zwei, der bis zum Ende seines Rookie-Vertrags zu mehr fähig ist.” Beim Senior Bowl wurde Bell laut Duffy auf der allerersten 1-on-1-Repetition von Derrick Moore „posterized” – nur Tage nach dem National Championship Game –, doch „er erholte sich wirklich gut. Alle, einschließlich Moore, versuchten danach, diesen Anker erneut zu testen, vergeblich.” In Mobile habe er „wie ein Mid-Round-Pick” ausgesehen.

Jonny Page von Bleeding Green Nation hatte Bell vor dem Draft nur in seinem Round-4-Tier: „Wenn Bell auf den dritten Tag fällt, hätte ich nichts dagegen, ihn als langfristiges Projekt zu investieren. Allerdings sehe ich es nicht für einen Pick am zweiten Tag.” Nach intensiver Tape-Arbeit – inklusive einer Film-Session aus Brandon Thorns Substack Trench Warfare, in der Bell selbst seine eigenen Plays kommentiert – schreibt Page nuancierter: Diese Tackle-Klasse sei nach den ersten Picks rasch ausgedünnt, und Bell sei in Runde drei „wahrscheinlich der letzte Prospect mit einem echten Starter-Potenzial” gewesen. Pages Lieblingszitat von Bell: „Es wird nicht immer hübsch aussehen, aber ich hab den Job erledigt.”

Die Stärken: Wo Bell Verteidiger schlicht überfordert

Was alle drei Analysten verbindet, ist die Faszination für Bells physisches Profil. 6’9¼” Größe, 36⅜ Zoll Armlänge (im 98. Perzentil) und eine Spannweite von 87⅛ Zoll verändern, wie Page schreibt, „die Geometrie des Pass Rushs auf eine Weise, die nicht trainiert oder entwickelt werden kann”. Verteidiger müssen schlicht weiter laufen, um den Quarterback zu erreichen. Brugler formuliert es plastischer: Bell „spielt breit und braucht ein Uber, um ihn herumzukommen”.

Bemerkenswert ist, dass dieser Koloss überraschend leichtfüßig agiert. Bei Screens auf dem 2025er-Indiana-Tape – ein Stück Film, das Page und Brugler beide hervorheben – schaltet Bell Cornerbacks im offenen Feld komplett aus. Seine Hand-Technik ist, wie Page in Anlehnung an die Thorn-Session erläutert, eine kluge Anpassung an seine strukturellen Nachteile: Statt mit beiden Händen gleichzeitig zu schlagen, führt Bell mit der Außenhand und behält die Innenhand in Reserve, um die Innenseite gegen Counter-Moves zu schützen. Kurze, gehackte Schritte statt weiter Sweeps halten ihn balanciert. Das ist nichts, was man durch Größe geschenkt bekommt – das ist erarbeitet.

Im Run Game generiert er, vor allem auf Wide Zone, an der Frontside enorme Bewegung. Genau das dürfte – wie Page treffend vermutet – ein Hauptgrund gewesen sein, warum dieser Coaching Staff ihn auf seinem Board hatte. Brugler hebt zudem hervor, dass Bell „auf dem Feld bleibt”: Mit Francis Mauigoa führte er 2025 das Team in Snaps an. Und dann ist da noch der Charakter. Page kann seine Begeisterung über das Thorn-Interview kaum verbergen: Bell sei selbstreflektiert, coachbar, benenne seine Schwächen präzise und arbeite aktiv an ihnen, statt sie hinter seiner Größe zu verstecken.

Die Schwächen: Hebelkraft, Hebelkraft, Hebelkraft

So unwiderstehlich das physische Profil ist, so unausweichlich sind die strukturellen Probleme, die ein 2,06-Meter-Mann an der Line of Scrimmage hat. Bells größtes Asset ist zugleich seine größte Achillesferse: der hohe Schwerpunkt. Wie Page schreibt, ist Bell anfällig für Speed-to-Power-Rushes, bei denen Verteidiger in seine Brust kommen, bevor er die Hüften absenken und sich neu verankern kann. Die berüchtigte „Forklift”-Technik – bei der ein Rusher unter die Pads kommt und den Tackle nach hinten drückt – zielt strukturell genau auf das, was Bells Frame schwer schützen kann.

Brugler ergänzt: inkonsistentes Knie-Bending, oft hüftgebeugt statt aus den Knien gespielt, gelegentlicher Vertrauensverlust in die eigenen Füße. Duffy konstatiert, dass Bell im Run Game „verständlicherweise Probleme hat, seine Hüfte in den Kontakt zu senken”, und vor allem in späten Spielphasen zu viel mit dem Körper blocke statt mit den Händen. Hinzu kommt das Erfahrungsthema: eine einzige FBS-Saison als Vollzeit-Starter, insgesamt 21 Karriere-Starts. Wie Page formuliert: Die Eagles wetten auf die Trajektorie und das Ceiling, nicht auf das fertige Produkt.

Ein bislang unterschätztes Detail: Bell hat in seiner gesamten College-Karriere ausschließlich Left Tackle gespielt. Seine ganze Außenhand-First-Mechanik ist auf diese Ausrichtung trainiert. Wechselt er, wie alle Indizien nahelegen, perspektivisch auf die rechte Seite, muss er diese Instinkte spiegelverkehrt neu aufbauen. Bell selbst gibt sich gegenüber dem Inquirer kämpferisch: „Ich bin gut. Ich bin ein Plug-and-Play-Typ. Ich kann überall spielen. Ihr könnt mich auf Center stellen, wenn ihr wollt.”

Der Plan in Philadelphia: Ein Jahr lernen, dann übernehmen

Der Kontext, in den Bell hineingedraftet wird, ist beinahe maßgeschneidert. Lane Johnson, der zukünftige Hall-of-Fame-Right-Tackle verpasste die zweite Hälfte der Saison 2025 nach einer Fußverletzung und dachte im Offseason offen über das Karriereende nach, bevor er sich für ein 14. NFL-Jahr entschied. Auf der linken Seite hält Jordan Mailata die Festung – jener Siebtrundenpick aus 2018, an den sich die Eagles erinnern dürften, wenn sie nun an Bells Entwicklungspotenzial glauben. Andre Dillard 2019 ging schief, Mailata ist einer der besten Trades der Liga-Geschichte.

Section 215 weist darauf hin, dass Fred Johnson 2025 in acht Spielen einspringen musste – mit einem PFF-Gesamtwert von 58,6 (Rang 69 von 89 gegradeten Tackles), 17 zugelassenen Pressures und fünf Strafen ein Ergebnis, das den Bedarf nach besserer Tackle-Tiefe schmerzlich offenbarte. Bell soll diese Lücke schließen: 2026 als hochwertiger Backup, perspektivisch als Starter auf der rechten Seite, sobald Lane Johnson abtritt.

Die Entwicklungsarbeit landet nun auf dem Tisch eines etablierten Coaching Staffs. Head Coach Nick Sirianni hat in Offensive Coordinator Sean Mannion und Run Game Coordinator/Tight Ends Ryan Mahaffey das offensive System fixiert; Pass Game Coordinator Josh Grizzard koordiniert die Passspielelemente, in denen Bells Länge ihre größte Wirkung entfalten kann. Die direkte Zuständigkeit für Bells technische Reifung liegt bei Offensive Line Coach Chris Kuper. Mit Senior Offensive Assistant Jerrod Johnson und Assistant Head Coach Jemal Singleton steht zudem genug Erfahrung im Raum, um die Übergangsthemen methodisch anzugehen. Auf der anderen Seite des Balls beobachten Defensive Coordinator Vic Fangio, Senior Defensive Assistant Clint Hurtt und Defensive Passing Game Coordinator Joe Kasper im Training Camp aus erster Hand, was die Eagles-Pass-Rusher bei Bell abrufen können.

Fazit: Riskant, aber lohnend

Markel Bell ist ein Projekt – aber eines, dessen Bauplan zu den Eagles passt. Die Birds haben eine Tradition, große, lange, athletische Tackles zu draften und ihnen Zeit zu geben (Mailata war 24, als er erstmals startete). Bell ist 21, hat 21 College-Starts und einen Körper, den die NFL-Welt wahrscheinlich noch nicht zum letzten Mal vermessen hat – sein eigenes Statement, er sei „vielleicht noch am Wachsen”, hat bei einer aktuellen Größe von 6’9¼” einen leicht beunruhigenden Unterton.

Pages Schlusssatz fasst die Wette präzise zusammen: „Es wird nicht immer hübsch aussehen. Aber er erledigt vielleicht den Job.” Wenn Chris Kuper und sein Staff in den nächsten 18 Monaten Bells Hebel-Defizite entschärfen und seine Right-Tackle-Instinkte aufbauen können, wenn Lane Johnson noch eine Saison als Mentor zur Verfügung steht und wenn Bell selbst die Selbstreflexion, die er in jedem Interview demonstriert, in tägliche Arbeit übersetzt, dann holt sich Philadelphia hier möglicherweise den Right Tackle der zweiten Hälfte dieser Dekade – zum Drittrunden-Tarif. Die Eagles haben nicht den sichersten Pick gemacht. Sie haben den ehrgeizigsten gemacht.

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