Es gibt diese Drafts, in denen ein Pick mehr verrät als jede Pressekonferenz – und der vergangene Donnerstagabend in Pittsburgh war so einer. Howie Roseman gab zwei Viertrundenpicks her, sprang von Position 23 auf 20 nach vorne und schnappte sich Makai Lemon vor der Nase der Pittsburgh Steelers weg. Und das wortwörtlich: Lemon hatte in genau jenem Moment bereits Pittsburgh am Telefon. Seit Donnerstag hat er stattdessen ein Midnight Green-Trikot und Philadelphia einen neuen ersten Receiver für die Zeit nach A.J. Brown.
Ein Pick, der die Offseason erklärt
Roseman blieb am Mikrofon beim sich ständig wiederholenden Narrativ der vergangenen Wochen: „A.J. ist ein Mitglied der Eagles. Wir haben keine Trades gemacht oder abgeschlossen. Wir nehmen das einen Tag nach dem anderen.” Doch die Handlungen erzählen eine andere Geschichte. Hollywood Brown und Elijah Moore wurden in der Free Agency verpflichtet, Dontayvion Wicks per Trade dazugeholt – und nun investiert Philadelphia einen Erstrundenpick plus zwei Viertrunder in einen weiteren Receiver. Es ist einfach: Was die Eagles tun, ist aussagekräftiger als das, was sie sagen. Ein möglicher Brown-Trade wäre frühestens nach dem 1. Juni aus Cap-Gründen sinnvoll. Bis dahin bauen die Eagles ihren Receiver-Raum so um, dass DeVonta Smith im Zweifel einen jungen Starter neben sich hat statt einem teuren Superstar.
Roseman selbst beschrieb den Umbau bildhaft: Die Eagles wollten an der Receiver-Position „eine Basketball-Mannschaft an Skill-Sets” zusammenstellen, mit Spielern, die Verschiedenes können und der Offense Vielseitigkeit und Tiefe geben. Lemon – gerankt als Nummer-2-Receiver der Klasse und Top-13-Prospect bei Dane Brugler – ist dabei kein nachgereichter Notnagel, sondern der vielleicht wertvollste Stein in dieser neuen Aufstellung.
Wer ist Lemon überhaupt?
Makai Lemon ist 21 Jahre alt, kommt aus Los Alamitos in Kalifornien und stammt aus einer der athletischsten Familien, die man sich in einem Scouting Report wünschen kann. Sein Großonkel Chet Lemon spielte 16 Jahre in der MLB und war zweimaliger All-Star bei den Detroit Tigers, sein Onkel Tim Lemon wurde in der zweiten Runde des MLB-Drafts 1998 von den Cardinals gezogen, sein Vater war als Running Back am Long Beach College ein Top-Recruit, ehe ein zertrümmertes rechtes Bein die Karriere bremste. Lemon trägt hawaiianische Wurzeln und wurde 2025 zum Polynesian Player of the Year ernannt – die erste polynesische Auszeichnung als bester College-Receiver des Landes.
Sein sportlicher Weg führte über die La Mirada High School, einen Wechsel nach Los Alamitos, eine Verpflichtung in Oklahoma und schließlich – als Lincoln Riley nach USC wechselte – an seine Traum-Uni („This is home”). In drei Jahren bei den Trojans entwickelte sich Lemon vom Freshman, der wegen Verletzungen in der Defensive aushelfen musste, zum unangefochtenen Anführer der Receiver-Gruppe. 2025 fing er 79 Pässe für 1156 Yards und elf Touchdowns, gewann den Biletnikoff Award als bester College-Receiver des Landes – als erster USC-Spieler seit Marqise Lee 2012 – und war einstimmig All-American. Er beendete die Regular Season auf Platz 1 der gesamten FBS bei First-Down-Receptions (50). Und er war der einzige Big-Ten-Spieler mit über 500 Yards nach dem Catch.
Was die Eagles im Film gesehen haben
Wer Lemons Maße liest, könnte ihn unterschätzen: 5’11”, 192 Pfund, beim Pro Day eine 40-Yard-Zeit irgendwo zwischen 4,48 und 4,53 Sekunden. Kein Riese, kein Burner, kleine Hände, kurze Arme. Aber wie Nick Sirianni über das Tape sagte: Lemons Wettkampfgeist sei „förmlich aus seinem Tape herausgequollen”. Roseman hob eine Szene aus dem Holiday Bowl 2023 hervor: Lemon, frisch zurück auf Offense nach einem Notdienst als Cornerback, steht weit weg vom Geschehen, als Miller Moss eine Interception wirft – und jagt den Defensive Back quer über das Feld zum Tackle. „Hochkompetitiv”, urteilte Sirianni. „Man kann das nicht abstellen. Wenn die Möglichkeit da ist, einen Block für den Running Back zu setzen oder einen Gegner nach einer Interception einzuholen, dann macht er es.”
Sirianni schwärmte zudem von Lemons Fähigkeit, sich freizulaufen, von „wahnsinniger Fähigkeit, in umkämpften Situationen den Ball zu fangen”, und seinem Blockverhalten. Roseman ergänzte Stichworte wie Instinkte, starke Hände und die Fähigkeit, sowohl im Slot als auch außen zu spielen. Die Drop Rate über die gesamte College-Karriere: 2,8 Prozent. In den letzten zehn Drafts hatten laut Fran Duffy nur fünf Receiver-Prospects eine bessere Quote – und nur zwei von ihnen hatten mehr Targets als Lemon.
Die Stimmen der Draft-Experten
Dane Brugler von The Athletic fasst sein Bild von Lemon so zusammen: „Lemon beeindruckt nicht durch Größe oder athletisches Profil, aber er ist ein geschmeidiger, manipulativer Routenläufer und fängt alles, was zu ihm geworfen wird. In gewisser Weise ähnlich wie Amon-Ra St. Brown spielt er bereits jetzt wie ein Profi und projiziert sich als NFL-Starter (Z oder Slot).” Brugler lobt insbesondere Lemons Routenstämme, mit denen er Defendern blinde Flecken schafft, seine sauberen Cuts (er nennt USC-Coach Chaz Savage als wichtigen Einfluss) und seinen instinktiven Umgang mit Zone-Coverage – ein Erbe seiner Zeit als Defensive Back. Als Schwächen markiert er die durchschnittliche Größe und Spielstärke, das Fehlen eines „pull-away gear” und die Tatsache, dass nur 27,8 Prozent seiner Catches 2025 außerhalb der Hashes fielen. Ein NFL-Scout brachte Lemons Mentalität gegenüber Brugler so auf den Punkt: „Er ist einer der kompetitivsten Spieler in meinem Gebiet … fast schon zu kompetitiv, aber ich glaube, das kommt von einem guten Ort.”
Fran Duffy, früher bei den Eagles und einer der genauesten Tape-Analysten, sieht Lemon ähnlich, mit feiner Differenzierung: „Insgesamt sehe ich einen ergänzenden Baustein mit hohem Floor in der NFL und der Decke eines Low-End-Nummer-1-Receivers in einer Offense, die ihn konstant in Bewegung freischemen kann.” Duffy notiert eine deutliche Entwicklung von 2024 zu 2025 – Lemons Körpersprache vor dem Snap sei als Junior viel besser gewesen, seine One-Cut-Routen schärfer. Er beschreibt ihn als „Slot- oder Movement-Z, den ich um die Formation herum bewegen und früh im Down sauber halten möchte”. Bedenken äußert Duffy bei stärkerem Press, etwa beim Notre-Dame-Spiel, das er „pausemachen” lässt, wenn man Lemon als konstanten Outside-Receiver projizieren will. Bemerkenswert: Bei seinem Combine-Field-Workout, so Duffy, habe Lemon nur einen einzigen Drop gehabt – im ersten Gauntlet-Lauf – und ansonsten „sauber, geschmeidig und schnell” ausgesehen, mit einem „großartigen Fingertip-Catch über die Schulter” auf einer Post-Corner-Route.
Ein anonymer NFL-Scout ordnet Lemons Stil so ein: „Sehr effektiv beim Heraus- und Hineinarbeiten aus Cuts. Er kann das gesamte Short-to-Intermediate-Spektrum, und er hat genug Saft, um den Seam und die Corner zu attackieren. Macht einfach viele Catches. Sehr gute Hände. Er ist eher ein Slot-Z-Typ, der Drecksarbeit machen kann.” Ein anderer Scout vergleicht ihn explizit mit Amon-Ra St. Brown – „gleiche Schule, ähnliche Position, bewegt sich ähnlich” – und gibt zu, dass er bei St. Brown selbst nicht an dessen NFL-Karriere geglaubt habe.
Der Smith-Vergleich – und warum er passt
Es ist kein Zufall, dass Lemon viele an Smith erinnert. Auch Smith war 2021 ein Biletnikoff-Sieger, der nicht in das ideale Größenraster passte und trotzdem gedraftet wurde, weil sein Tape sprach. Die Eagles haben in der Vergangenheit teuer bezahlt, wenn sie an der Receiver-Position überdacht haben statt zu vertrauen. Lemon ist die nächste Wette dieses Typs: nicht der athletischste Athlet im Raum, aber einer, dessen Spielweise sich durch Detailtiefe, Zähigkeit und Wettkampfgeist auszeichnet.
Dennis Simmons, USC-Receiver-Coach und Co-Coordinator, der zwischen 2015 und 2021 in Oklahoma war und dort Jalen Hurts coachte, zog gegenüber NBC Sports Philadelphia genau diese Linie: „Sie bekommen eine Person, die hingebungsvoll ist und in alles, was sie tut, hundert Prozent steckt. Er wird in seinem Handwerk und in all seinen Assignments detailliert sein. Sie bekommen einen Wettkämpfer.” Simmons griff zudem ein Bild auf, das Lemons Mentalität erfasst: „Er wird wie der Hund im Park, dem man den Stock wirft. Dieser Hund holt ihn immer und bringt ihn zurück.” Lemon selbst formulierte es kürzer: „They’re gettin’ a dawg.”
Wo Lemon bei den Eagles spielen wird
DeVonta Smith ist die unangefochtene Nummer 1. Lemon dürfte – sollte Brown wie erwartet nach dem 1. Juni getradet werden – in eine Starter-Rolle rücken, vermutlich kombiniert mit Wicks und einem Mix aus Hollywood Brown und Elijah Moore. Sean Mannion übernimmt als neuer Offensive Coordinator die Spielanlage, unterstützt von Pass Game Coordinator Josh Grizzard und Receiver-Coach Aaron Moorehead, mit Jerrod Johnson als Senior Offensive Assistant im Hintergrund. Mannion bringt Konzepte aus dem McVay/Shanahan-Baum mit, und damit eine Offense, die den Ball breiter verteilt und Receiver in Bewegung freispielt – genau das Profil, in dem Duffy Lemons Decke am höchsten ansetzt.
Auch jenseits der Offense lohnt der Blick: Lemon war 2024 als Kick Returner Third-Team All-Big-Ten (514 Return-Yards bei 27,1 Schnitt) und Starter auf allen vier Core-Special-Teams-Einheiten in seiner College-Karriere. Special-Teams-Coordinator Michael Clay dürfte sich freuen.
Zwei Schatten im Profil – und ein Pluspunkt
Brutal ehrlich muss man auch das benennen: Lemons Verletzungshistorie war an USC nicht trivial. Vier verpasste Spiele 2023, eine Ambulanz-Szene in Michigan 2024 nach einer Kollision auf einer Punt-Coverage, ein verschleppter Hamstring im Frühjahr 2025. Hinzu kommt die Bankreduzierung im ersten Quarter des UCLA-Spiels 2025 wegen eines „Verstoßes gegen Teamregeln” (Riley wurde nicht konkreter). Es ist kein Warnsignal, das den Pick infrage stellt – aber es sind Punkte, die Philadelphia in seiner Eigenrecherche eingepreist hat. Die Eagles holten Lemon vor dem Draft zu einem Hausbesuch nach Philadelphia und hatten ihn nach eigener Aussage als einzigen verbleibenden Spieler aus ihrer Top 15 gerankt, als sie auf Position 20 hochrückten.
Und die Pluspunkte? Sie sind in Sirianni-Interviews selten so geballt gefallen. Toughness. Fang in umkämpften Situationen. Blocking. Wettkampfgeist „bis ins Schmerzhafte”. Plus eine Yards-after-Catch-Eigenschaft, die in einer Mannion-Offense Gold wert ist.
Die Lemon-Wette
Lemon selbst sagte bei seiner Vorstellung: „Beim Körpertyp kann man sich täuschen lassen. Das Herz und die Mentalität, mit der man sich dem Spiel nähert, kann einen viel weiter bringen als nur Größe und Statur.” Es ist die Art Aussage, die in Philadelphia gut ankommt. Wenn alles funktioniert, bekommen die Eagles einen Receiver mit dem Routenhandwerk eines Slot-Technikers, der Hand-Toughness eines Outside-Receivers, der Yards-after-Catch-Mentalität eines Running Backs und der Wettkampfeinstellung eines Defenders, der er einmal kurzzeitig war. Das ist nicht A.J. Brown. Aber es muss auch nicht A.J. Brown sein. Es muss DeVonta-Smith-2021-Energie sein – und darauf wettet Howie Roseman.
