Ein nigerianischer Basketballer, der erst 2021 einen Football in die Hand nahm, steht 2026 vor dem Sprung in die NFL. Warum Max Iheanachor perfekt in die Philosophie der Philadelphia Eagles passt – und warum ein „Redshirt”-Jahr unter Chris Kuper genau das sein könnte, was dieser Spieler braucht.
Wenn man sich die DNA der Philadelphia Eagles unter General Manager Howie Roseman anschaut, gibt es wenige Konstanten, die so stark geblieben sind wie die Investition in die Offensive Line. Jason Kelce, Lane Johnson, Jordan Mailata – allesamt Steine, auf denen die Erfolge der vergangenen Jahre aufgebaut wurden. Und auch wenn mit dem Abschied von Jeff Stoutland eine Ära zu Ende gegangen ist und der neue Offensive Line Coach Chris Kuper die Trenches nun nach seinen Vorstellungen formt, bleibt die Grundüberzeugung unverändert: Die Line gewinnt Spiele.
Genau deshalb lohnt sich vor dem Draft 2026 ein Blick auf einen Spieler, der beim Senior Bowl in Mobile reihenweise Scouts aufhorchen ließ – und der in mehrfacher Hinsicht ein klassischer „Eagles-Typ” ist: Max Iheanachor, Right Tackle von der Arizona State University.
Eine der erstaunlichsten Biografien dieses Drafts
Max Iheanachor ist 22 Jahre alt, 1,98 Meter groß und wiegt komfortabel 325 Pfund (etwa 147 kg). Er wurde am 19. Oktober 2003 in Nigeria geboren, wuchs dort mit drei Geschwistern auf und kam erst mit 13 Jahren mit seiner Familie in die USA, wo sie sich in Compton, Kalifornien, niederließen. Sein jüngerer Bruder Mark ist mittlerweile Linebacker bei SMU.
Was seine Geschichte so bemerkenswert macht: Iheanachor hat in seiner Jugend nie Football gespielt. In Nigeria war Fußball sein Sport, in den USA wechselte er wegen seiner Körpergröße zum Basketball, spielte auf dem AAU-Circuit und besuchte die King/Drew Magnet High School of Medicine and Science in Los Angeles – eine Schule, die nicht einmal ein Footballteam besitzt.
Erst im Sommer 2021, nach seinem High-School-Abschluss, brachte ihn sein AAU-Coach Cory DeSanti auf den Gedanken, es mit Football zu versuchen. Iheanachor selbst beschreibt die Begegnung in spirituellen Worten: „Gott hat ihn benutzt, um zu mir zu sprechen und mich zum Football zu führen.” Er schrieb sich am East Los Angeles College (ELAC) ein, wog damals 240 Pfund (109 kg) und dachte, er würde Tight End werden. Die Trainer erkannten jedoch sofort sein Potenzial als Offensive Lineman.
Nach einem Redshirt-Jahr 2021, in dem er vor allem Gewicht aufbaute und die Grundlagen lernte, startete er 2022 sowohl als Left als auch als Right Tackle für ELAC. Als Saga Tuitele, der ihn während des Recruitings kennengelernt hatte, im Dezember 2022 Offensive Line Coach in Tempe wurde, folgte Iheanachor ihm nach Arizona State. Dort wurde er zum zweieinhalbjährigen Starter, 2025 in die Second Team All-Big 12 gewählt und ließ als Senior keinen einzigen Sack zu.
Was die Draft-Experten sehen
Die renommierten Draft-Analysten Dane Brugler (The Athletic) und Lance Zierlein (NFL.com) haben Iheanachor intensiv studiert – und kommen zu bemerkenswert ähnlichen Schlüssen: Hier ist ein außergewöhnlicher Athlet mit allen körperlichen Voraussetzungen, aber eben auch ein Spieler, der im Footballsinne noch immer ganz am Anfang steht.
Brugler bringt es in seinem Fazit auf den Punkt:
„Iheanachor lernt immer noch, wie er sein Talent beständiger abrufen kann, aber seine Eigenschaften – athletischer Körperbau, ausgeglichene Schnelligkeit, Spielstärke – bilden ein aufregendes Fundament für einen zukünftigen Starting Right Tackle. Er ist ein aufstrebender Spieler, auch wenn er vielleicht ein ‚Redshirt‘-Jahr und einen geduldigen Trainerstab benötigt, während er sich weiterentwickelt.”
Zierlein sieht ihn sogar schon etwas weiter:
„Ein aufstrebender, traits-lastiger Tackle-Prospect. Iheanachor ist ein ehemaliger High-School-Basketballer und Späteinsteiger im Football. Er hat gute Armlänge und hervorragende Magermasse. Seine Hände und Footwork brauchen Verfeinerung, aber seine Range und Spielstärke sollten sich in jedes Run-Scheme übertragen lassen. An der Pass-Protection-Technik muss gearbeitet werden, aber starke Auftritte gegen Texas Techs Pass-Rush-Duo in der letzten Saison und beim Senior Bowl lassen vermuten, dass Iheanachor spielbereiter sein könnte, als ich zuvor angenommen hatte. In einem Jahr, in dem hochklassige Tackles rar sind, könnten Iheanachors Maße, Athletik und Upside ihn im Board nach oben schieben.”
Was beide Experten besonders loben, ist die Kombination aus Masse und Beweglichkeit. Brugler beschreibt ihn als „balancierten Athleten, der sich gut lateral bewegt, um Edge-Speed zu begegnen” – und zitiert dabei ein bemerkenswertes Kompliment von der Gegenseite: Utah-Defensive-End Logan Fano habe ihn als den besten Blocker bezeichnet, gegen den er 2025 gespielt habe.
Fran Duffy ist trotz allem vorsichtig:
„Sollte er in diesem Jahr technisch große Fortschritte machen, wäre ich viel zuversichtlicher, dass er sein volles Potenzial im zweiten oder dritten Jahr ausschöpfen kann; aber selbst wenn er das nicht schafft, sehe ich ihn aufgrund seiner einzigartigen körperlichen Voraussetzungen immer noch als einen Spieler, der mindestens den Wert eines Zweitrunden-Picks hat. Solange sein Charakter und seine medizinische Untersuchung in Ordnung sind, scheint er in jedem Draft ein lohnendes Risiko in den Top 50 (mindestens) zu sein … aber es bleibt ein Risiko.”
Für ein Team, dessen Offensive-Line-Identität unter Chris Kuper und Offensive Coordinator Sean Mannion weiterhin auf Zonenblocking setzt, ist das ein Satz, der aufhorchen lässt.
Die Schwächen – und was sie bedeuten
Die Baustellen liegen allerdings offen auf dem Tisch. Brugler führt sie ungeschönt auf:
„Roh – die Unerfahrenheit ist auf dem Tape offensichtlich. Muss bewusster werden, wie er am Point of Attack Leverage aufbaut. Aufrechter Drive-Blocker, was seine Fähigkeit einschränkt, verankerte Verteidiger aus ihrer Position zu heben. Okayer Anchor in Pass-Sets, braucht aber einen Moment zur Erholung. Die Strike-Accuracy in der Pass Protection ist überall.”
Die sechs Holding-Penalties im Jahr 2025 sprechen für sich. Zierlein benennt die technische Wurzel:
„Ein Hitch in seinem Punch führt dazu, dass die Hände außerhalb des Rahmens laufen. Weite Hände machen ihn anfällig für Holding-Penalties. Er hat Schwierigkeiten bei der Protection-Recognition gegen Gaming Fronts.”
Gerade der letzte Punkt ist ein Warnsignal: Stunts und Twists – also die koordinierten Austauschbewegungen von Pass-Rushern – können Iheanachor aus der Position locken. In einer Division mit Micah Parsons, Brian Burns und Kayvon Thibodeaux wäre das ein Problem, das sofort aufgedeckt würde.
Hinzu kommt ein medizinischer Hinweis, der im Scouting-Prozess Gewicht haben wird: Iheanachor spielte 2024 mit einem beschädigten Labrum und unterzog sich nach der Saison einer Schulter-OP, die ihn im Frühjahrstraining 2025 außer Gefecht setzte. Gleichzeitig – und das ist die andere Seite der Medaille – beendete er seine College-Karriere mit 28 aufeinanderfolgenden Starts. Durability sollte also kein Thema sein.
Warum der Fit mit Philadelphia fast zu schön ist
Wer die Eagles-Philosophie kennt, sieht beim Lesen von Iheanachors Profil sofort die Parallelen. Drei Punkte stechen hervor.
Erstens: Das Projekt-Profil. Philadelphia hat unter Roseman wiederholt bewiesen, dass das Team bereit ist, auf körperliche Tools und Entwicklungspotenzial zu setzen, wenn ein Spieler bereit ist, die harte Arbeit auf sich zu nehmen. Jordan Mailata – der australische Rugby-Spieler, der 2018 in der siebten Runde gedraftet wurde – ist das Paradebeispiel. Iheanachor passt in dieses Schema: ein Spätstarter mit außergewöhnlichen Bewegungen, der bereit ist, Zeit zu investieren.
Zweitens: Das Vorbild. Brugler schreibt, dass Iheanachor sein Spiel an dem von Penei Sewell modelliere – dem Right Tackle der Detroit Lions, der zum Maßstab seiner Position geworden ist. Das zeigt nicht nur Ambition, sondern auch ein Verständnis dafür, welche Bewegungsqualitäten auf der rechten Seite gefragt sind. Und es lenkt den Blick zwangsläufig auf Philadelphias eigenen Right Tackle.
Drittens: Die Lane-Johnson-Nachfolge. Lane Johnson wird im Mai 36 Jahre alt. Er spielt weiterhin auf einem Pro-Bowl-Niveau, aber die Biologie ist unbestechlich. Ein Jahr hinter Lane Johnson, könnte ihm genau die Erfahrung bringen, die er benötigt.
Der Senior-Bowl-Effekt
Nicht zu unterschätzen ist, was Iheanachor in der Woche von Mobile gezeigt hat. Beide Experten heben diese Woche explizit hervor. Zierlein nennt ihn „zeitweise dominant bei den Senior-Bowl-Practices”, Brugler zählt ihn zu den „Standouts der Woche”. Für einen Spieler, der ausschließlich auf der rechten Seite repräsentiert wurde – sowohl an der ASU als auch beim Senior Bowl – war die Performance gegen Top-Edge-Rusher aus Power-Five-Programmen die bislang beste Visitenkarte.
Max Iheanachor ist nicht der Spieler, der 2026 sofort startet. Er ist vermutlich auch nicht der Spieler, der in Runde 1 die Schlagzeilen dominieren wird (in die zweite Runde wird er aber kaum fallen). Aber er ist genau der Typ Prospect, bei dem Philadelphia in den letzten Jahren immer wieder zugegriffen hat – und zwar erfolgreich. Die Kombination aus Größe, Athletik, Charakter und dem offenkundigen Willen, sich weiterzuentwickeln, passt zur Kultur, die Nick Sirianni und Howie Roseman etabliert haben.
